Interview mit Prof. Dr. Stribrny

Prof. Dr. phil. Wolfgang Stribrny ist ehemaliger Vorsitzender des Preußeninstitut e.V.—Zollernkreis.

Tobias Lein:
Sind wir heute die Sklaven Wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Zwangssituationen, denen wir hilflos ausgesetzt sind und machtlos gegenüber stehen?

Prof. Stribrny: Seit der Reichsverfassung 1871 ist Deutschland das erste große Land der Welt, in dem das allgemeine, freie, gleiche und geheime Wahlrecht gilt. Das demokratische Wahlrecht wurde in Frankreich 1874, und in England 1918 eingeführt. Seit der preußischen Verfassung von 1850 gilt in Deutschland Pressefreiheit. Der Satz „Eine Zensur findet nicht statt“ ist aus dieser Verfassung wörtlich in das Grundgesetz (Artikel 5,1) übernommen worden. Wir haben durch die Wahlen und unsere Beteiligung an der Meinungsbildung die Möglichkeit, die Entwicklung zu beeinflussen.
Wie sehen Sie die europäische Entwicklung diesbezüglich?

Prof. Dr. Stribrny:
Abgesehen von manchen Deutschen sind die europäischen Völker darauf bedacht, ihre nationale Eigenart zu bewahren. Auch Deutschland wird hinfort seine Eigenständigkeit stärker als bislang betonen. Es geht dabei nicht nur um die Erhaltung unserer Finanzkraft. Die Monarchie ist der beste Garant der Eigenständigkeit. Am stabilsten sind die europäischen Völker die sich um die Krone scharen.

Tobias Lein:
Ist es überhaupt möglich, sich ein fundiertes Bild von der eigenen Geschichte, von den Motiven, die unsere Väter und Vorfahren bewegten, zu machen?

Prof. Dr. Stribrny:
Geschichte ist immer zutiefst subjektiv, weil der Betrachter der Geschichte letzthin in seinem Urteil auf seiner subjektiven Meinung (als Christ, als Sozialist, als Preuße, als Muslim, als Royalist) aufbaut. Auch läßt sich die Vergangenheit niemals voll erfassen. Es gibt nur Annäherungen an die vergangen Wirklichkeit. Es gibt heute ungeheuer viele Möglichkeiten, sich über Geschichte zu informieren. Man sollte sich von „Wikipedia“, mit Fehlern und Irrtümern befrachtet, nicht überwältigen lassen. Man lese lieber weniger und das gründlich um nicht in Wissensmassen unterzugehen.

Tobias Lein:
Sind die Motive und Vorstellungen der Menschen des 19. / 18. / 17. Jahrhunderts – vom Mittelalter ganz zu schweigen – uns heute so fremd geworden wie die der Menschen in der Steinzeit?

Prof. Dr. Stribrny:
Einerseits ja wegen des ständigen Wandels. Andererseits nein, weil die Grundprobleme bleiben. Man sollte darauf hinweisen, dass in der Kunst (steinzeitliche Höhlenmalerei) und im Denken und Glauben (Vorsokratiker, Christentum) die Höchstleistungen längst vergangener Zeiten nie übertroffen wurden.

Tobias Lein:
Lernen wir aus der Geschichte, oder wiederholt jede Generation auf ihre Weise die Fehler der früheren Generationen?

Prof. Dr. Stribrny:
Aus seiner eignen Vergangenheit lernt der einzelne Mensch. Aus der Geschichte kann man nicht lernen, es sei den Vorsicht und Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen. Das scheitern ist die Grunderfahrung der Geschichte. Vor Verzweiflung über Welt und Mensch schützt nur der Glaube.

Tobias Lein:
Spielt der Gottesglaube, die Religion ganz allgemein, heute noch eine Rolle in Ihrer Familie?

Prof. Dr. Stribrny:
In meiner Familie ist der Glaube die einzig entscheidende Basis des Lebens. Für Christen und Muslime gilt: 5% bis 10% der Menschen sind gläubig. Das ist vermutlich immer so gewesen. In früheren Zeiten prägte die Religion weit stärker den Alltag; bei uns bis etwa zum Traditionsbruch von 1968. Aber; gläubig waren stets 5 bis 10%.

Tobias Lein:
Sehen Sie im Erlernen religiöser Grundlagen einen Garant dafür Entscheidungen zu treffen die dem Wohl der Allgemeinheit dienen und klarer zwischen richtig und falsch zu unterscheiden?

Prof. Dr. Stribrny:
Unbedingt! Es gibt für mich nichts anderes als Leitlinie.

Tobias Lein:
Denken Sie es ist sinnvoll, wenn sich der Adel erneut oder vermehrt für die Vermittlung von Werten und Tugenden einsetzt.

Prof. Dr. Stribrny:
Träger großer Namen haben es leichter, weil sich Ihr Name bei anderen leichter einprägt. Aber sie haben es schwerer als andere, weil sie unter dem Anspruch stehen, sich im Leben- ähnlich ihren Ahnen-bewähren zu sollen. Man ist bereit sie anzuerkennen, wenn sie ihren Mann, ihre Frau- stellen vielleicht sogar als Vorbild. Falls sie nur Vorurteile bestätigen, sollte man sie nicht beachten.

Tobias Lein:
Halten Sie es heute überhaupt noch für möglich, dass der Adel in der Öffentlichkeit eine Vorbildfunktion einnehmen kann?

Prof. Dr. Stribrny:
Der Adel als solcher nimmt heute keine Vorbildfunktion ein. Adel verpflichtet aber auch heute. Wer als bloßer Adliger Namensträger sich dem Anspruch seines Namens nicht stellen will, sollte auf das „v.“ verzichten. Die Standesämter werden nichts dagegen haben. Ein Adliger in der Öffentlichkeit, der sich als Edelmann verhält, findet eher Anerkennung als andere.

Tobias Lein:
Vielen Dank für das Interview.